Ein Wochenende, ein Schiff, neun Leute

von Lars Wiesner

Ein Wochenende, ein Schiff, neun Leute. Neun Leute, die zusammen aufbrachen um ein Wochenende unter Segeln zu verbringen. Doch wo beginnen? Zunächst wurden Versuche angestellt zu planen wo es denn hingehen sollte, um dem Pulk Segler zu entgehen, dem man üblicherweise an Pfingsten auf den niederländischen Meeren begegnet. Dies wurde sehr schnell auf zwei Möglichkeiten eingeschränkt: Durch die Randmeere Flevolands segeln und neue Gebiete kennen lernen, oder die etwas spektakulärere Art nehmen und das Wattenmeer unsicher machen. Auf Grund der relativ schlechten Erreichbarkeit und der Befahrbarkeit der Randmeere wurde entschieden bei passendem Wind ins Watt zu gehen und ein oder zwei Inseln an zu steuern.

Die Tage vorm Start wurden weniger und letztendlich befanden wir uns alle im Auto in Richtung Stavoren, wo wir endlich wieder Fuß setzen sollten auf die Dialog. Am gleichen Abend wurde auch kurzerhand noch beschlossen auf zu brechen Richtung Kornwerderzand. Um neun Uhr wurden also alle Taschen in die Kojen geworfen und die Segelanzüge ausgepackt. Warm und trocken eingepackt wurden die Leinen klar gemacht und legten wir ab um in den Sonnenuntergang zu segeln. Es sollte ein langer Abend werden, auf mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass wir wegen der Tide am nächsten Morgen um halb vier aufstehen würden um vor allen anderen eine der Inseln – mittlerweile hatten wir uns für Terschelling entschieden – anlaufen zu können. Und es musste so kommen, kurz vor Kornwerderzand wurde uns das Licht ausgeknipst und mussten wir darauf vertrauen, dass der niederländische Staat uns zwischen den beleuchteten keine unbeleuchteten Bojen in den Weg gelegt hatte. Doch bekanntermaßen gibt der Segler an sich nicht viel auf Zufall und daher rüsteten wir auf, um mit den beleuchteten Bojen um die Wette leuchten zu können. Eine Lampe, taghell alles zu erleuchten und dich zur Blindheit zu verdammen, solltest Du aus Versehen auch nur in die Nähe dieser künstlichen Sonne blicken. Letztendlich hatten wir die Einfahrt nach Kornwerderzand doch getroffen – böse Zungen behaupten es war Glück, ich behaupte es war Können – und drehten wir noch zwei Kringel vor der Schleuse, bevor wir als einziges Schiff, nachts um halb zwölf durch die große Schleuse ins Wattenmeer gelangen.

Am nächsten Morgen, oder besser gesagt dreieinhalb himmlische Stunden später wurde der sanfte Schlaf unrühmlich durch das brummende Vibrieren des Weckers schlagartig beendet. Und auch wenn sich mein Weckton „Forest“ nennt, und er Dich mit Vogelzwitschern und Blätterrascheln wecken sollte, passt dieser schöne Gedanke nicht wirklich zu der Szenerie von einer halben, jedoch vollkommen zerknautschten Crew die an Deck hockte, und darauf wartete, dass der erste Kaffee den Boden der Thermoskanne erreichte. Es ging los, der Motor wummerte in der dunklen Nacht und verklang im Nichts der großen Weite Frieslands. Segel setzen und in den Sonnenaufgang segeln. Oder eigentlich vielmehr davon weg. Aber traumhaft war es dann ja doch, als die Stille durchbrochen wurde durch einen Schweinswal, welcher für eine kurze Zeit unser Begleiter wurde.

Mit der Zeit wurde der Wind von „Kaum“ über „Ja doch, ich glaub ich fühl‘ da was“ bis hin zu „Oh ja, es windet“ immer stärker. Jedoch konnten wir uns durch einen Blick auf die Windex – das schiffsinterne, geeichte und immer präzise messende Windmessgerät – immer im Sicheren sein, dass wir Halluzinationen hatten, denn diese bestand störrisch darauf, dass wir 0 Knoten Wind (umgerechnet ziemlich genau 0 km/h) hatte. Naja. Letztendlich erreichten wir Terschelling doch noch, auch „ohne“ Wind ziemlich gut unter Segeln. Kurz darauf – jedoch erst nach einem ausgiebigen Frühstück – war die Crew in einen komatösen Tiefschlaf gefallen. Die Idee vor allen anderen auf der Insel sein zu wollen rächte sich nun also doch noch. Und doch konnte der Tag noch produktiv genutzt werden indem man zum Beispiel einen der schönsten Flecken Terschellings aufsuchte um von dort aus einen atemberaubenden Überblick über die Insel genießen zu können. Oder auch ein Eis. So wurde der Tag durchgebracht, bis dass es abends kulinarische Hochgenüsse aus den Händen der zwei an Bord verweilenden Studenten gab. Und doch machte sich während des Essens eine gefräßige Stille breit, welche andeutete, dass Studenten doch ganz eventuell auch kochen können. Nach dem Essen wurde noch besprochen, wie der folgende Tag aussehen würde, ob man eine andere Insel ansteuern sollte, oder einen Hafentag auf Terschelling einlegen wolle. Auf Grund dessen, dass der niederländische König offenbar sein Pfingstwochenende auf Vlieland verbrachte und der dortige, sowieso schon nicht gerade überdimensional große (lies: verdammt kleine) Hafen wahrscheinlich schon aus allen Nähten platzte, wurde für einen weiteren Tag auf der Insel mit dem charakteristischen Leuchtturm gestimmt.

Dieser Tag ist kurz zusammengefasst: Sonnig, windig, darum kalt und doch irgendwie schön. Während der Großteil der Crew sich aufmachte ein Softeis im Stadt-… Dorfkern zu ergattern, machte sich Jungdeutschland (und Jungholland, denn ja, multinational waren wir auch unterwegs) auf Midsland mit dem Fahrrad zu erkunden. Über den Deich und zwischen den Schafen und Lämmern lang mit den aberhunderten von anderen Fahrradfahrern Richtung Midsland, welches in etwa sechs Kilometer von Terschelling – West entfernt liegt. Der Hinweg war in 20 Minuten erledigt. Das Eis dort konnte allerdings nicht entschädigen für die knappe Stunde die wir gegen den Wind zurück fuhren. Doch letztendlich war auch dieser Weg geschafft und konnten wir noch von einem wunderschönen Himmel überm Weststrand genießen, denn wenn die Beine schon müde sind kann man das ja auch noch mal eben mitnehmen.